Attac Sommerakademie 2011

Das Seminar fand vom 14. – 16. Juli jeweils von 10.00 – 13.00 Uhr statt, es nahmen etwa 20 Personen teil. Ich hatte noch nie die Möglichkeit, so lange mit vielen interessierten Menschen zu dem Thema zu arbeiten und nutzte die Gelegenheit, meine umfangreichen theoretischen Überlegungen auch einmal zu präsentieren. Mein Dank gilt allen, die nicht nur ausgeharrt haben, bis es interessanter wurde, sondern auch noch viele neue Anregungen beigesteuert haben.

Dann haben wir darüber diskutiert, was das für unser Leben und für unsere politische Arbeit bedeutet und es wurde schnell klar: wir alle sind Commoners und Commons sind die Basis unserer Gesellschaft. Aber man übersieht sie leicht, weil Commoning in unserer Gesellschaft nicht besonders hoch geschätzt wird. Und viele dieser Commons sind bedroht durch neoliberale Spar- und Privatisierungsprogramme und oft ist es schwierig Verbündete zu finden, für Initiativen zu ihrer Verteidigung. Eine wichtige Frage ist: wie schafft man es, anderen dieses Aha-Erlebnis zu vermitteln, dass mit diesen Dingen etwas Wichtiges für immer verloren geht.

Es ging z.B. um die Mühlkreisbahn, um einen Wald, um denkmalgeschützte Häuser, die abgerissen werden, um ein Schwimmbad im Stadtzentrum, das geschlossen wurde oder um den wichtigen Bereich der freien Medien, wo als Beispiel indymedia angeführt wurde, oder um eine Möglichkeit günstig und umweltfreundlich zu reisen „Sustainable couchsurfing“ (dazu gibt es auch einen Newsletter) – bitte gerne noch anderes ergänzen.

Einige der Erkenntnisse, die wir noch gewonnen haben:

  • Commoning ist ein Grundrecht und ein Grundbedürfnis
  • Commoners sind Menschen, denen es nicht in erster Linie ums Geld geht
  • Und dass auch die Sprache ein Commons ist
  • Einen Vorschlag hat mir Eva Maria Glatz noch geschickt: „Commoning ist individuelles oder kollektives Handeln unabhängig von Geld und Markt.“ Da bin ich noch nicht ganz zufrieden damit, da fehlt etwas Wichtiges, nämlich, dass etwas hergestellt werden muss. Denn diese Aussage gilt etwa auch für Spazierengehen.
  • Ich würde ergänzen: Commoning ist individuelles oder kollektives Handeln, das soziale Reproduktion unabhängig von Geld und Markt und auch unabhängig vom Staat ermöglicht. Was meint ihr?

Viele neue Fragen haben sich ergeben, darunter die, ob der Begriff Commons notwendig ist. Wir waren der Meinung, dass es schon ganz praktisch ist, einen Begriff zu haben, weil wir dann leichter die Commons, die wir herstellen und nutzen, erkennen können, meist sind sie uns nämlich nicht bewusst, und wir bemerken sie oft erst, wenn wir sie verloren haben. Und wenn wir uns dafür einsetzen und sie verteidigen wollen, dann brauchen wir auch einen Namen dafür.

Andere, meist alte Begriffe für Commons sind Allmende, oder in Österreich, die Gmein oder die Tratte oder auch der Anger. Mehr über Angerdörfer am Ende des Beitrages.

Andere Fragen waren z.B. wie denn so eine Regelentwicklung passieren könne, wie Entscheidungen getroffen werden können und wie man mit Minderheiten umgehen kann. Da gibt es natürlich kein Patentrezept, aber ich finde es recht interessant, was die Leute von der Puerta del Sol in Madrid darüber schreiben, wie sie in ihren Versammlungen Entscheidungen treffen. Ein Quickguide für Volksversammlungen findet sich auf der Webseite von „Echte Demokratie jetzt“, zum pdf geht es hier.

Am  zweiten Tag haben wir überlegt, wie wir die Idee der Commons nutzen können um Fragen nach der öffentlichen Infrastruktur und öffentlichen Dienstleistungen neu zu stellen, ein Thema, das ja gerade wieder höchste Akualität hat. Diese Dinge haben wir dem Staat überlassen, in der Hoffnung, dass er sie für uns regeln würde. Der Staat hat sich als schlechter Treuhänder erwiesen, vieles wurde verkauft, vieles wird nicht so betrieben, wie wir es uns vorstellen. Darum ist es notwendig, dass BürgerInnen sich bewusst werden, diese Dinge gehören uns, der Staat muss sie so organisieren, wie wir das wollen. Es geht also um eine Demokratisierung, um die Möglichkeit echter Mitbestimmung der NutzerInnen und natürlich auch der Angestellten. Es gibt schon viele Beispiele, wo das in den letzten Jahren geschehen ist.

Energie

http://unser-netz-hamburg.de/

http://www.gegenstromberlin.net/

http://www.rettetdiemur.at/

Wasser

http://berliner-wassertisch.net/

http://www.acquabenecomune.org

Verkehr

Den Initiativen zum Thema öffentlicher Verkehr geht es entweder um die Erhaltung des öffentlichen Nahverkehrs oder darum, dass der öffentliche Verkehr in Städten gratis sein sollte. Links dazu:

http://www.probahn.at/

http://www.ybbstalbahn.at

http://www.muehlkreisbahn.at/verein.htm

http://www.freepublictransports.com

http://www.schwarzfahren.de/

http://berlin-faehrt-frei.de

Gesundheit, Bildung

http://solidarischgsund.org/

http://www.iboeb.org/moeller_hedtke_netzwerkstudie.pdf

http://unibrennt.at/

Auch hier bitte gerne noch Ergänzungen schicken.

Ein Problem, das Menschen haben, wenn sie sich um ihre öffentliche Infrastruktur kümmern wollen, ist, dass es schwierig ist, Informationen von den PolitikerInnen zu bekommen und dass diese Bürgerinitiativen oft als Bedrohung sehen.

Wir haben auch bemerkt, dass wir gar nicht so genau wissen, welche politischen Instrumente der BürgerInnenbeteiligung wir eigentlich haben.

Ein weiteres wichtiges Thema waren die sogenannten Urbanen Commons, vor allem die Frage des öffentlichen Raumes, der immer mehr den Verkehr, der Bodenspekulation und dem Konsum zum Opfer fällt. Unter dem Namen „Recht auf Stadt“ haben sich in Deutschland viele Initiativen zur Wiederaneignung der Städte gebildet. Auch in Österreich gab es gerade zum Zeitpunkt unseres Seminars zwei Hausbesetzungen, die die Errichtung eines allgemein zugänglichen autonomen Zentrums zum Ziel hatten, eines Raumes für „Commoners“.

Hier sind Links zum Thema „Recht auf Stadt“:

http://www.rechtaufstadt.net/

http://www.rechtaufstadt-freiburg.de/

http://wiki.rechtaufstadt.net

http://www.rechtaufstadt.org/

http://www.neuland-koeln.de/

http://www.wemgehoertdiestadt.net/

http://www.aktion21.at/

http://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Lefebvre

http://de.wikipedia.org/wiki/Andrej_Holm

Am dritten Tag, den Andreas Förster gestaltete, ging es dann um Beispiele der Wiederaneignung des öffentlichen Raumes.

Hier seine Bücherliste

The Great Neighbourhood Book
Street Reclaiming
Urban Interventions
All That We Share
Century of the City

Eine Webseite, wo viele selbstverwaltete Commons aus den verschiedensten Bereichen aufgeslistet sind ist Vivir Bien, ein weiteres gutes Beispiel ist Mundraub, eine Sammlung von freien Ernteplätzen. In Deutschland ist gerade eine erste „Mundraubregion“ im Entstehen.

Ein Beispiel für ein soziales oder kulturelles Commons: Ulrike Trugers Aktionen z.B.: http://www.a41.at/omofuma.htm.

Viele Ähnlichkeiten gibt es mit der Geschenksökonomie: http://www.gift-economy.com/

Zwei Filmtipps von Eva Maria Glatz: Agnes Varda 2000: Die Sammler und die Sammlerin (Les glaneurs et la glaneuse) Dies. 2002: Die Sammler und die Sammlerin… zwei Jahre später (Les glaneurs et la glaneuse… deux ans après)

Zum Thema Anger(dorf): http://de.wikipedia.org/wiki/Angerdorf
Einige Angerdörfer in Ostösterreich: Loretto und Lutzmannsburg im Burgenland, Unterretzbach und Immendorf im Weinviertel.

Ich bitte alle TeilnehmerInnen und auch NichtteilnehmerInnen, die hier noch etwas ergänzen wollen oder finden, dass ich ihre Anliegen nicht richtig wiedergegeben haben, mir ein Mail zu schreiben, ich füge es dann hier ein.

Ich hatte das Gefühl, dass die Diskussion für alle sehr interessant war und wir alle mit vielen neuen Anregenungen hinausgegangen sind. Ich würde mich auch freuen, von dem einen oder der anderen zu hören, ob und wie sich euer eigenes Leben dadurch verändert hat.

Eine Antwort zu “Attac Sommerakademie 2011

  1. Pingback: Achtung: Dokumentation des Attac-Seminars online!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s